Essay Bedeutung Toleranz Heute Im


Als sich Berlins Regierender Klaus Wowereit vor über zehn Jahren öffentlich als Schwuler outete, musste er das "und das ist auch gut so" noch hinterherschieben. Thomas Hitzlsperger hatte das gar nicht mehr nötig - nach seinem "Zeit"-Auftritt rannte ihm die halbe Welt die Bude ein, um ihm zu seinem "Mut" zu gratulieren.

Fast alle Kommentatoren finden es nun nicht nur gut so, dass Deutschland endlich einen schwulen Profifußballer hat, sondern zeigten sich regelrecht entzückt darüber, dass nun der endgültige Beweis erbracht ist. Und zwar der Beweis dafür, dass Homosexualität in diesem Land wirklich so selbstverständlich und normal ist, wie man es selbst gerne glauben möchte.

Die Gesellschaft ist doch schon längst viel weiter; und homophob sind immer nur die anderen - sei es "die Fankurve" oder "die Russen", "Menschen in sozialen Brennpunkten" oder "ewiggestrige Männer". Und weil Homosexualität in Deutschland etwas völlig Stinklangweiliges, Alltägliches ist, steht nun die Nation Kopf.

Schwarz-Rot-Gold oder Regenbogen?

Für manche Schwule älteren Jahrgangs, die sich bei ihrem eigenen Coming-out noch fragen mussten, ob sie verstoßen, enterbt und überhaupt ausgegrenzt werden, sind diese Vorgänge fast schon unheimlich. Hat diese Sommermärchen-Idylle wirklich etwas mit ihnen zu tun? Oder klopft sich hier nur die Mehrheitsgesellschaft selbst auf die Schulter, um sich zu versichern, wie normal sie selbst ist in ihrer großzügigen Toleranz? Welche Flagge wird hier gehisst, Schwarz-Rot-Gold oder Regenbogen?

Das Ganze wirkt ein wenig hysterisch, und das liegt sicher daran, dass nicht nur die Homosexuellen verunsichert sind ob der Zuneigung und Liebe, sondern auch die Wohlmeinenden sich nicht immer ganz sicher sind, ob sie es mit dieser Bejahung wirklich ernst meinen. Ist es denn wirklich richtig, wenn Homosexuelle heiraten dürfen? Gar Kinder bekommen? Und noch schlimmer: Würde ich es wirklich bejubeln, wenn mein eigenes Kind homosexuell wäre und ich keine Enkelkinder bekomme? Die Kanzlerin - die eine endgültige rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben verhindert - lässt über ihren Sprecher freundliche Worte verbreiten: "Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen nur aus Angst vor Intoleranz."

Sollte man wohl nicht, aber offensichtlich braucht man immer noch "Mut" dazu. Insofern ist Thomas Hitzlspergers Coming-out kein wichtiger Schritt für "die Gesellschaft", sondern vor allem für die Homosexuellen, insbesondere der nachwachsenden Generationen. Denn Hitzlperger ist aufgrund seiner bisherigen Lebensleistung automatisch ein hochwichtiges Symbol. Er ist ein fassbarer Beweis dafür, dass das Klischee vom weichen, schwachen schwulen Mann, der niemals einen Ball ins Tor bekommt, wohl doch nicht stimmen kann.

Ich kann alles machen - selbst wenn ich Männer liebe

Damit irritiert er nicht nur jene Homophoben, denen er klar den Kampf angesagt hat, sondern er ermutigt vor allem auch jene Schwule, die in der größten Gefahr schweben: Das Suizidrisiko bei homosexuellen Jugendlichen gilt immer noch als drei bis vier mal höher als bei heterosexuellen Gleichaltrigen. Für einen Heranwachsenden kann ein schwuler ehemaliger Nationalspieler ein kostbares Identifkationsangebot sein. Denn es bedeutet: Ich kann, wenn ich will, alles machen, was die anderen Jungs in meinem Alter machen, selbst wenn ich Männer liebe.

Ein solches Vorbild kann Lebenswege verändern, indem es Selbstvertrauen verleiht und beweist, dass es keine zwangsläufigen homosexuellen Schicksale gibt. Um im Klischee zu bleiben: Ein Junge, der gerne Fußball spielt und entdeckt, dass er Jungs liebt, muss nicht glauben, dass er aufgrund dieser Tatsache gezwungen ist, den Ball in den Schrank zu schließen, um Friseur zu werden. Ein Soziologe würde sagen, dass er sich weniger dem Druck ausgesetzt sehen könnte, an ihn herangetragene Stereotype zu internalisieren, also so zu werden, wie man es ihm vorwirft.

Der Fortschritt ist eine Schnecke, doch Thomas Hitzlspergers Coming-out ist ein wichtiger Meilenstein. Und in ferner Zukunft wird Homosexualität vielleicht einmal etwas Normales sein. Dann wird man mit dem Namen Klaus Wowereit nur noch verbinden, dass das der Typ war, der die Sache mit dem Berliner Großflughafen irgendwie versemmelt hat. Thomas Hitzlsperger haben dann einige noch als "The Hammer" in Erinnerung. Und in der Nationalmannschaft spielen unter anderem eine schrille Tunte, zwei Transgender und vier Frauen.

Erst dann kann sich die Gesellschaft sicher sein, dass sie es ernst meint mit ihrem Mut, Geschlechterstereotype hinter sich zu lassen.

Peter Pichtermann ist Autor und Journalist. Er lebt in Berlin.

Der Flüchtlingsstrom aus Syrien und anderen muslimischen Ländern hält an und stellt Deutschland nicht nur vor logistische Schwierigkeiten. Brennende Flüchtlingsheime auf der einen und „Refugees Welcome“-Banner sind die sichtbarsten Zeichen einer Auseinandersetzung über der Frage, wie man mit Neuankömmlingen aus einem so anderen Kulturkreis umgehen soll. Den Bedenkenträgern wirft man oft Islamophobie vor, und es wird mehr Toleranz gefordert. Das klingt richtig, aber es bekommt einen schalen Beigeschmack, wenn man bedenkt, dass der in Deutschland real existierende Judenhass, der durch den von den Flüchtlingen mit eingeschleppten Hass noch verstärkt werden wird, keinen Aufreger mehr wert ist. Schon lange müssen unsere Gebetshäuser, Kindergärten, Schulen und Gemeinden von Polizisten mit Maschinenpistolen bewacht werden. Für diesen Schutz bin ich natürlich sehr dankbar. Auch wenn es dadurch für jüdische Kinder in Deutschland kein unbeschwertes Aufwachsen gibt: Jeder Gang in den Kindergarten, zur Schule und in die Synagoge geht an schwer bewaffneten Männern und Frauen vorbei. Es ist also an der Zeit, mehr Toleranz für deutsche Juden einzufordern, vor allem von den Neuankömmlingen. Aber: Will ich tatsächlich als Jude in Deutschland toleriert werden? Nein! Niemals!

Toleranz ist eine hingenommene Abweichung von der Norm und eine sehr einseitige Sache. Toleranz ist auch kein eindeutig positiver Begriff. Im Profifußball werden Spieler von Managern danach ausgewählt, wie gut sie spielen und was sie kosten. Nach Hautfarbe geht es dabei offenbar nicht, denn es gibt zahlreiche farbige Spieler in der Bundesliga und noch viel mehr Nazis auf den Rängen. So kommt es immer wieder zu widerwärtigen Ausbrüchen von Rassismus. Der DFB und die Vereine starten dann Kampagnen für mehr Toleranz im Fanblock. Versetzen Sie sich mal in die Lage eines farbigen Spielers, der von irgendwelchen Nazis aus den Rängen mit Bananen beworfen und beschimpft wurde. Wären Sie glücklich, wenn die Nazis die Bananen in Zukunft lieber aufessen und Sie, wie gefordert, tolerieren? Nein! Sie wollen von den Fans akzeptiert oder, besser noch, geachtet sein, ja gefeiert werden für Ihre sportlichen Leistungen! Denn wenn man Sie toleriert, obwohl Sie schwarz sind, dann erhebt man „Weiß“ zur Norm und „Schwarz“ zur tolerierten Abweichung. Der Spieler aber will, dass nicht die Hautfarbe, sondern Spielstil, Ausdauer, Lauffreude, Torgefährlichkeit und Zweikampfstärke Teil der Norm sind.

Ich will als Jude in Deutschland auch nicht toleriert werden. Ich will als Ich, als Mensch akzeptiert, bestenfalls geschätzt sein. Religiöser Jude zu sein bringt manchmal Schwierigkeiten mit sich. Etwa, weil ich nur koscheres Essen esse oder am Freitagabend wegen der Sabbatruhe nicht mit ins Kino gehe. Mein religiöses Verhalten kann man gerne beknackt finden und dann gnädig tolerieren, aber mich als religiöse Person und Mensch bitte nicht. Meine Religion sollte nicht Teil der gesellschaftlichen Norm sein, gemeinsames Essen und ins Kino gehen schon eher. Es ist die schwere Aufgabe der Politik, diese Normen zu finden. Das Grundgesetz ist dabei die Grundlage, die wichtigste existierende Normsammlung in Deutschland, und sie lässt richtigerweise keine große Toleranz zu. Tolerieren wir also die Muslime, alteingesessene oder neu eingewanderte, in Deutschland nicht, sondern akzeptieren wir sie. Muslime gehören zu Deutschland genau wie jeder andere hier lebende Mensch. Akzeptanz aber ist keine Einbahnstraße wie die Toleranz. Sie funktioniert nur gegenseitig. Vielleicht rufen deswegen so viele nach bedingungsloser Toleranz? Weil sie dann zwar von den Tolerierenden alles, von den Tolerierten aber nichts fordern müssen?

Genauso schlimm wie die herablassende Toleranz für einen Menschen ist der Respekt, den eine Religionsgemeinschaft einfordert. Das Wort Respekt hat vielerlei Facetten: Ich respektiere etwa Leistungen oder die Privatsphäre anderer. In den meisten Fällen aber ist Respekt ein Synonym für Angst oder Furcht: Ich habe Respekt vor den Reißzähnen eines großen Hundes. Ist es das, was verlangt wird, wenn ich aus Respekt vor dem Islam keinen Mohammed malen soll? Was sind das für Gläubige, die, statt sich gelassen ihren Teil zu denken, zu einer gewaltbereiten, beleidigten Leberwurst mutieren, weil jemand despektierlich von ihrem Propheten spricht? Sie wollen keinen Respekt. Sie wollen, dass wir Angst haben!

Auch andere Religionen sind auf den Trip mit dem Respekt und der Leberwurst gekommen. Lasst den Unfug! Ich respektiere Menschen für ihre Leistungen, ihre Aufrichtigkeit, Hilfsbereitschaft, Kritikfähigkeit und mehr, aber nicht für eine religiöse Überzeugung. Wenn jemand als Muslim einem Propheten hinterherläuft, der ein Analphabet war, einen Krieg nach dem anderen angezettelt hat, und seine Lieblingsfrau war neun Jahre alt bei ihrer Deflorierung, dann verdient er meinen Respekt?

Soll man mich dafür respektieren, dass ich mit Moses einen Propheten habe, der einen Ägypter erschlagen und heimlich verscharrt hat, furchtbar stotterte, den direkten Weg nach Israel nicht gefunden hat und deshalb ein ganzes Volk 40 Jahre lang quer durch die Wüste hat irren lassen? Verdient ein Christ Respekt dafür, dass er einen Propheten vergöttert, der elendig am Kreuz gestorben ist und vorher der Welt eine Erbsünde eingeredet hat, die er dann durch seinen erbärmlichen Tod heldenhaft auf sich nehmen konnte? Nein! Respekt muss man sich mit eigenen Taten, mit eigenen Errungenschaften verdienen. Als Mensch und als Gruppe. Wer bedingungslosen Respekt einfordert, der meint mit Respekt Furcht und Angst. Toleranz und der unterwürfige Respekt sind zwei Seiten derselben vergifteten Medaille. Die Toleranzgrenzen werden aus Respekt gedehnt und von diesem Erfolg ermuntert, wird noch mehr Respekt gefordert. Ein Teufelskreis. Die gnädige Toleranz ist hierbei eine Selbsterhöhung und der Respekt eine Unterwerfung. Die Spannung, die sich beim Wechsel von einem zum anderen aufbaut, entlädt sich irgendwann zwangsläufig in einem Knall.

Ein Zusammenleben zwischen Menschen und Kulturen funktioniert nur, wenn alle Seiten es mitgestalten. Das bedeutet nicht, dass Zuwanderer sich komplett integrieren oder gar assimilieren müssen. Im Gegenteil: „Bunt“ funktioniert ja nur, wenn Farben harmonisch nebeneinander ein schönes und buntes Bild von Deutschland ergeben. Zu sehr vermischt werden die Farben ein hässliches, dreckiges Leberwurst-Nazi-Braun, und das will ja keiner. Oder etwa doch?

Der Autor, 40, arbeitet derzeit als IT-Spezialist in Israel. 2014 erschien sein Buch: „Wie werde ich Jude? Und wenn ja, warum?“.

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